Zähne und die Opferrolle
Was haben Zähne und die Opferrolle gemeinsam?
Mehr, als man denkt. Vor ein paar Wochen ging es los: Das Baby bekommt die ersten Zähne. Sie ist völlig aus dem Rhythmus – verständlich, wenn man nicht weiß, warum die Zähne plötzlich Ärger machen. Wir kühlen, was der Kühlschrank hergibt: Gurken, kaltes Obst, Eiswürfel, Schmerzgel. Stillen wird zum Seelentröster und Schmerzstiller. Sie braucht Nähe, Liebe und ganz viel Fürsorge.
Kurz darauf wackeln bei meiner Großen gleich mehrere Zähne. Essen und Zähneputzen werden zur Herausforderung – und neben den Zähnen wackelt auch die Seele. Ich begleite, halte Raum, werde kreativ. Und auch hier: ganz viel Fürsorge.
Und dann… fangen meine Zähne an. Der Zahnarztbesuch mit Baby ist logistisch eine kleine Herausforderung. Die Assistentin war so lieb, die Kleine kurz zu beschäftigen – aufregend für sie und die Assistentin, aber machbar.
Kurz darauf meldeten sich die nächsten Schmerzen. Pflanzliche Hilfe half nicht, also ab in die Zahnklinik. Diagnose: Weisheitszahn raus – sofort. Der junge Zahnarzt hatte beim Ziehen sicher keinen leichten Job, hat es aber gut gemacht.
Halbe Stunde später ging’s nach Hause – mit dem Wunsch, einfach mal umsorgt zu werden. Stattdessen: weiter Alltag.
Am nächsten Tag das gleiche Spiel – Schmerzen, der Magen rebelliert gegen die Schmerzmittel, trotzdem alle üblichen Aufgaben.
Und nachdem die Große in der Schule ist lege ich mich endlich für ein wenig Selfcare auf die Couch. Dann der Anruf: „Wir bringen sie wieder nach Hause. Wespenstich.
Anstatt Selbstfürsorge: Fürsorge.
Dann steht eine Übernachtung vom Verein an. Zum Glück bekomme ich das Auto von Freunden und plane zumindest die Einkäufe damit zu erledigen, um mir Wege zu ersparen.
Doch die Schmerzen werden schlimmer, die To-do-Liste nicht kürzer und die Freunde brauchen das Auto früher als geplant. Haushalt? Weiterhin ein Wimmelbild ohne Selbstfürsorge.
Und dann merke ich, wie ich gedanklich abrutsche: Während andere Pausen genießen, sich Aufgaben teilen können und umsorgt werden, läuft bei mir alles auf mich raus.
Unfair. Und zwar voll. Hallo Opferrolle!
Bis mir eine Unterhaltung auf Insta einfällt, in der ich folgendes geantwortet habe:
„Ich bin die Mutter, die ich sein will. Ob mit oder ohne Partner. Niemand ist dafür verantwortlich, wie es mir geht – außer ich selbst. Wenn ich mich nicht gut um ich kümmere, kann es auch kein anderer“
Autsch. Selber ertappt. Wo also bin ich falsch abgebogen?
Vor Wochen. Als ich dachte, ich könne alles gleichzeitig schaffen und das auch noch mit Schmerzen. Pausen wurden für E-Mails genutzt, Freizeitaktionen möglich gemacht, die Kids standen im Fokus. Immer. Und ich? Zähne zusammengebissen – Zahnschmerzen bekommen.
Erkenntnis: Es lag nicht an anderen. Ich habe mich um alle gekümmert, nur nicht um mich.
Hatte ich wirklich keine Unterstützung? Bullshit. Ich hatte Freunde, ein Auto, Hilfeangebote. Ich habe sie nur nicht immer angenommen – und Grenzen zu selten gesetzt.
Was also kann weg, um zur Ruhe zu kommen?
Übernachtungskind abgesagt – Haushalt darf noch nen Tag Wimmelbild bleiben.
Nicht einkaufen – improvisieren mit dem, was da ist.
Keine 100 Vitamine zum Frühstück für uns – dafür gibt’s für meine Große und mich unsere leckeren Pülverchen. Sie ersetzen keine gesunde Ernährung, sorgen aber dafür, dass wir beide versorgt sind – auch wenn es mal stressig wird.
Mein Fazit
Mich an meinen eigenen Leitsatz erinnern:
Es darf einfach einfach sein!
Und ganz ehrlich – das Wimmelbild im Haushalt hat sich dann am nächsten Tag von selbst gelichtet, als wir es gemeinsam angepackt haben.